Naturschutz in der Forstwirtschaft - Beispiel: Hirschkäfer

Von ca. 1300 totholzbewohnenden Käferarten stehen heute 60% auf der Roten Liste der gefährdeten Tiere, darunter neben dem bekannten Hirschkäfer auch Arten wie der Große Eichenbock, der Alpenbock oder der sogenannte Eremit. Dabei mangelt es nicht generell an totem Holz in den Wäldern. Der Anteil der Totholzmasse von Fichten ist aufgrund niedriger Holzpreise und vernachlässigter Waldpflege heute sogar noch größer als vor zwanzig oder dreissig Jahren.



Nur benötigten gerade die gefährdeten Käferarten nicht die überall vorhandenen Fichtenstümpfe und das Astreisig. Der Hirschkäfer beispielsweise entwickelt sich vor allem in abgestorbenen und pilzbefallenen Eichenstämmen. Rund sechs Jahre lang frisst sich die Hirschkäferlarve durch einen vermodernden Eichenstamm. In Stämmen mit einem Durchmesser von weniger als 50cm kommen Hirschkäfer praktisch nicht vor. Andere Käferarten sind wiederum auf brüchige, stehende und besonnte Laubbäume angewiesen, andere besiedeln Mulm, Holzpilze oder gar verlassene Nester in Baumhöhlen. Leider ist der Aktionsradius der meisten Arten auf einige hundert Meter beschränkt. Sie könnten deshalb nicht über längere Strecken nach geeigneten Lebensräumen suchen. Um diese Arten zu schützen, muss deshalb besonderes Augenmerk auf alte Laubwälder, aber auch auf Parkanlagen und Alleen gerichtet werden. Neben den erwähnten Laubbäumen ist für viele seltenen Pilze vor allem die Tanne von Bedeutung, die heute in den mitteleuropäischen Wäldern immer mehr zurückgeht.

Auch viele Flechten sind spezifisch an totes Holz von bestimmten Baumarten gebunden. Der deutlich höhere Anteil von Flechten in der Bergwäldern geht auf die dort geringere wirtschaftliche Nutzung zurück. Der Mangel an geeignetem Totholz ist jedoch nicht die einzige Gefährdungsursache. Besonders bei den gegen Luftverunreinigungen hochempfindlichen Bartflechten sei zu befürchten, daß manche Arten in den kommenden zwanzig Jahren im Alpenraum aussterben.

Hohle Bäume mögen zwar wirtschaftlich wertlos sein, stellen aber oft geeignete Lebensräume für geschützte Käferarten dar. Hier müsse der Blick der Forstleute geschärft und mehr Toleranz gegenüber geschädigten und forstlich "wertlosen" Bäumen eingeübt werden. Auch der Zwang zum sparsamen Wirtschaften sei nicht nur negativ zu sehen, da es durchaus ökonomischer sein könne, wertlose Bäume im Bestand zu belassen als sie zu entfernen. Entscheidend für holzbewohnende Organismen ist die Totholzqualität, nicht die Menge. Auch sind die Baumarten nicht austauschbar: Die meisten gefährdeten Totholzbewohner sind nun einmal an Laubhölzer gebunden. Wichtig ist, daß durch forstliche Maßnahmen kein "Bruch in der Biotoptradition" entsteht, indem nach einer Holzernte der Baumbestand mit andersartigen Baumarten neu begründet würde. Der Starkholzanteil sollte auch weiterhin erhöht werden und weitere Naturwaldreservate ausgewiesen werden, besonders dort, wo heute noch seltene, holzbewohnende Organismen vorkommen. Die Forstleute müssten von der Gepflogenheit abkommen, Selbstwerbern wertvolles Alt- oder Totholz zur Brennholznutzung zu überlassen. An die Adresse der Naturschutzbehörden und Gartenämter ergeht der Appell, Baumsanierungen kritisch zu überdenken, da hierdurch vielfach auch letzte Refugien für Käfer zerstört werden.

Schädlingsproblematik und Erhaltung von totholzbewohnenden Arten stehen sich in der Praxis nicht entgegen. Wenn der Artenschutz im Wald wirklich ernst genommen werden würde, müssten noch viele Detailkenntnisse in die alltägliche Praxis der Revierleiter und Waldarbeiter Eingang finden. Entscheidend für die Zukunft ist heute die Erhaltung schlechtwüchsiger, brüchiger und leicht geschädigter Laubbäume in genügender Anzahl, denn diese noch lebenden Bäume sind das wertvolle und schutzwürdige Totholz von morgen.

Waldbewirtschaftung mit dem sogenannten "Harvester", der Baum-Erntemaschine:

Photo © by Rudolf Faustmann

Die Bewirtschaftung des Waldes mit dem Harvester hinterlässt eine Spur der Verwüstung. Kleinere Bäume werden einfach geknickt und umgefahren, dickere Bäume werden im Vorbeifahren "entrindet". In einem Gebiet, wo die Arbeit mit dem Harvester erlaubt ist,  haben Natur- und Artenschutzgesetze für Insekten sowie Pflanzen jegliche Legitimation verloren!

Photo © by Rudolf Faustmann



Bericht aus der Kronenzeitung (13. 7. 2002 ):

500 Jahre alte Eiche im Naturpark St. Andrä-Wördern sollte von Holzfällern der Bundesforste gefällt werden. LH Erwin Pröll konnte das Vorhaben verhindern.
Wie nun jeder Naturkundige weiss, leben im Moderholz der alten Eichen nachweislich (und nur in ganz alten Eichen) die Larven des streng unter Naturschutz stehenden Hirschkäfers, und zwar bis zu 7 Jahre lange, denn solange dauert ihre Entwicklung.
Das Naturschutzgesetz sagt aus, dass die Tötung eines Hirschkäfers mit Geldbusse belegt wird. Streng genommen waren die Holzfäller also im Begriff, ein Gesetz zu verletzen, bzw. wurde ihnen von ihren Vorgesetzten der Auftrag zur 100-fachen, eventuell 1000-fachen Gesetzesverletzung erteilt.
Gibt es im Naturschutzgesetz eventuell ein Hintertürl, welches quasi erlaubt, zwar die ersten 3 Entwicklungsstufen des Hirschkäfers zu töten, nicht jedoch die vierte - ähnlich der Fristenlösung bei der Abtreibung? Oder aber - die Entfernung der Lebensgrundlage des Hirschkäfers zählt nicht als Verletzung des Natur- und Artenschutzes.

Wenn dem so ist, dann wären alle Naturschutzgesetze praktisch für die Katz, hätten nur rein optischen Charakter ohne Tiefenwirkung.

Ähnliche Beiträge

Gedanken über den Naturschutz

Naturschutz im niederösterreichischen Industrieviertel?

Wie können seltene und wertvolle Insekten geschützt werden?

 

Zurück zum Anfang

Zurück zum Gastautor

 

Apatura iris
Inachis io
Nymphalis antiopa
Apatura iris
Vanessa atalanta
Papilio machaon
Pierides sp.
Copyright 2018
Unsere Webseite nutzt Cookies. OK