Naturschutz im niederösterreichischen Industrieviertel?

In den Weinanbaugebieten des Wiener Beckens kam bis in die 60er Jahre des 20. Jahrhunderts der äußerst farbenprächtige Osterluzeifalter vor. Er benötigte als Futterpflanze die Osterluzei, ein Gewächs, das vor allem die Lehmerde der Weinberge bevorzugt. Durch den Einsatz von Herbiziden und maschineller Bodenbearbeitung wurde diese als Unkraut angesehene Pflanze von den Weinbergen verbannt. Mit ihr verschwand einer der schönsten Falter Österreichs für immer. Er kommt jetzt nur noch in kleinen Restbeständen jenseits des Marchflusses sowie in den Donauauen südlich von Budapest vor. Wie lange wird er sich dort noch behaupten?



Industriegebiet Wiener Neustadt Nord:

Dort, wo sich heute das Industriegebiet  bei der Wiener Neustädter Nordspange bzw.  der Civitas Novae erstreckt, war noch vor 10 Jahren das letzte Rückzugsgebiet des Bärenspinners Arctia hebe. Seit  der Erweiterung des Industriegebietes im Norden bzw. Nordwesten Wiener Neustadts ist die Arctia hebe im Österreich quasi ausgestorben. Hier hat der Artenschutz also versagt. Sogar die Hoffnung, dass vereinzelte Brachflächen bestehen bleiben, erfüllt sich nicht - die Zwischenräume werden systematisch mit zweifelhaften Industriebauten aufgefüllt. Ist es nun die Schuld der Naturkundler, wenn hier lokale Arten aussterben? Gewiss nicht!


Die Wiener Neustädter Ostumfahrung

Die geplante Trasse der Wiener Neustädter Ostumfahrung führt geradewegs durch die Brutgebiete des Triels. (Der Triel (Burhinus oedicnemus) zählt zu den seltensten Brutvögeln Österreichs. Die zwei einzigen, derzeit bekannten Brutplätze finden sich mit gesamt 10-12 Brutpaaren im Osten Niederösterreichs. Ihr Schutz ist Gegenstand eines seit 1995 vom Amt der NÖ Landsregierung / Abteilung Naturschutz mitfinanzierten Artenschutzprogrammes.) Dazu äußerte sich ein zuständiger Politiker folgendermaßen: "Es kann nicht sein, dass wir Tausende von Menschen wegen ein paar Vögel nicht entlasten können" (Kurier vom 17. 1. 2004). Der Politiker hat wohl recht und handelt auch sicherlich im Sinne der von ihm vertretenen Staatsbürger. Es ist daher nicht angemessen, ihm seine bürgerfreundliche Haltung zum Vorwurf zu machen. Was ich jedoch aufzeigen möchte, ist die völlige Irrelevanz der Naturschutzgesetze: der letzte Triel Österreichs wird wohl oder übel einer neuen Straße weichen müssen, jedoch Insekten welche in Populationen von Hunderttausenden vorkommen, werden vor dem Naturkundler durch fadenscheinige Verordnungen "geschützt". Der Entomologe entnimmt der Natur nur einige wenige Exemplare, weit weniger als ein Vogerl pro Tag verzehrt. Trotzdem wird er durch Gesetze und Verordnungen eingeschränkt. Wenn aber mehrere Quadratkilometer ökologisch wertvoller Trockenrasen für immer und ewig der Natur entzogen werden, hat der Naturschutz ausgedient! Darum - liebe Entomologen - lassen wir uns nicht als "Insektenmörder" abstempeln, denn das sind wir nicht! Ohne uns wüsste die Öffentlichkeit gar nicht, welche Insekten es überhaupt in einem bestimmten Gebiet gibt. Tragen wir alle gemeinsam durch Aufklärung dazu bei, die richtigen Relationen wiederherzustellen. Wir sind keine Naturzerstörer - wir schätzen und ehren die Natur, indem wir die Artenvielfalt erforschen und dokumentieren!


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